Inguinalhernie (Leistenbruch), Hydrocele (Wasserbruch) und Hydrocele funiculi (Wasserbruchzyste) des Kindes

Der Leistenbruch, oder die inguinale Hernie, ist eine sehr häufige Erkrankung des Säuglings und Kindesalters. Die Häufigkeit liegt zwischen 0,8% und 5% der Kinder. Typischerweise entwickelt sich die Hernie aus einem offen gebliebenen Leistenkanal (Processus vaginalis peritonei), der einer „Auszipfelung“ des Bauchfells entspricht und beim Buben dem Samenstrang, beim Mädchen dem „Mutterband“ (Ligamentum Rotundum das zur Gebärmutter zieht und diese in ihrer Lage festigt) folgt (Nuckscher Kanal). Bei der Geburt ist der Processus vaginalis bei Knaben in 80–94% offen. Um das 2. Lebensjahr kann man bereits in der Mehrzahl von einem geschlossenen Leistenkanal ausgehen (Rowe 1969). Der linke Leistenkanal scheint sich früher zu schließen als der rechte. Etwa 20% der Leistenkanäle bleiben offen, ohne dass sich der Befund einer Leistenhernie entwickelt (Morgan 1942). Im Rahmen eines Maldescensus testis findet sich ein offen gebliebener Leistenkanal in 85–95% der Fälle (Scorer 1964). Eine ungenügende Ausschüttung an „calcitonin-gene related peptide“ (CGRP) begünstigt den Maldescensus testis sowie auch die Entwicklung von Hydrozelen und Hernien (Scorer 1964; Kiesewetter 1969; Clarenette 1996). Ein offener Processus vaginalis peritonei ist allerdings nicht mit der Entwicklung eines Leistenbruches gleichzusetzen. 31–94% der Kinder haben im ersten Lebensjahr einen offenen Prozessus bei einer vergleichsweise geringen Leistenbruchinzidenz von 1–5% (Snyder 1962; Grosfeld 1989).
Als weitere Ursachen für die Entstehung der Leistenhernie werden neben einem offen gebliebenen Processus vaginalis peritonei, urogenitalen Fehlbildungen (Maldescensus testis, Blasenekstrophie) der Steigerung des intraabdominellen Druckes (Aszites, ventrikulo-peritonealer Shunt, Peritonealdialyse, nach Korrektur großer Bauchdeckendefekte, chronische Atemwegserkrankungen mit prolongiertem Husten), und Bindegewebserkrankungen (Ehlers-Danlos-, Hunter-Hurler-, Marfan-Syndrom, Mukopolysaccharidosen) eine relevante Bedeutung beigemessen (Tank 1986; Mozam 1984; McEntyre 1977). Patienten, die an einer zystischen Fibrose (Mukoviszidose) leiden, haben mit bis zu 15% eine signifikant erhöhte Leistenhernieninzidenz (Holsclaw 1971).

Inguinalhernie (Leistenbruch) und Hydrocele - 01

Man spricht hier von einer so genannten „indirekten Leistenhernie“, d.h. einer Hernie, wo der Bruchsack schräg, also im Verlauf des Leistenkanales, liegt und sich aus dem Processus vaginalis peritonei (Leistenkanal) entwickelt hat. Die direkte Leistenhernie (Hesselbach-Dreieck), bei der die Bruchpforte medial der Vasa epigastrica inferior liegt, ist beim Kind, so wie auch die Femoralhernie (Schenkelhernie), eine Rarität. Die Bruchpforte der Femoralhernie entspricht dem medialen Bereich der Lacuna vasorum unter dem Ansatz des Lig. inguinale, dort wo die sog. Rosenmüller-Lymphknoten lokalisiert sind. Die Bruchpforte ist der konusförmige mit Fett und lymphatischem Gewebe (Rosenmüller-Lymphknoten) ausgefüllte Schenkelkanal, der trichterförmig parallel zur Femoralvene verläuft. Die meisten Femoralhernien finden sich medial der V. femoralis, können sich aber auch ventral oder dorsal davon entwickeln. Als Wegbereiter für die Bruchbildung dient präperitoneales Fett, dass bei erhöhtem intraabdominellem Druck in den sog. Schenkelkanal verlagert wird.

Eine Leistenhernie liegt vor, wenn Organe aus dem Bauchraum in den geweiteten offenen Leistenkanal vorfallen (Darm, großes Netz, Eierstock,..). Ein offener Leistenkanal, der eben nicht mit einem Leistenbruch gleichzusetzen ist liegt im 1. Lebensjahr bei 80% der Kinder vor. Er schließt sich in den ersten 6 Lebensmonaten. Der Leistenbruch zeigt sich am häufigsten bereits im ersten Lebensjahr. 5-20% der Menschen haben während ihres ganzen Lebens einen offenen Leistenkanal ohne dass sich dieser ausweitet und zu einem Leistenbruch führt. Hier spielt auch die Bauchdeckenmuskulatur und die Stärke des Bindegewebes eine Rolle. Frühgeborene Kinder haben eine höhere Wahrscheinlichkeit einen Leistenbruch zu entwickeln (16 – 25%). Buben scheinen häufiger als Mädchen betroffen zu sein (3:1 bis 10:1). 60% der Leistenhernien liegen auf der rechten Seite, etwa 30% links und etwa 10% beidseits. Bei etwa 12% lässt sich eine familiäre Häufung feststellen. Etwa 5% der Patienten entwickeln einen Leistenbruch auf der gegenüberliegenden Seite, wobei hier in über 80% Buben betroffen sind. Mehr als die Hälfte der beobachteten Brüche der gegenüberliegenden Seite treten innerhalb eines Jahres (95% innerhalb von 5 Jahren) nach Korrektur des eigentlichen Bruches auf. Die routinemäßige Freilegung der gegenüberliegenden Seite ist nicht wirklich notwendig. Sie sollte allerdings erfolgen, wenn sich bei der Untersuchung Verdachtsmomente ergeben.

Falls der offene Leistenkanal nur den Austritt von Flüssigkeit aus dem Bauchraum zulässt so spricht man beim Buben von einer Hydrocele (so genannter „Wasserbruch“), beim Mädchen von einem „Diverticulum Nucki“. Hydrocelen können sich in der Säuglingsphase zurückbilden benötigen aber eine kontinuierliche ärztliche Kontrolle. Gespannte Hydrocelen, wo im offenen Leistenkanal ein „Ventilmechanismus“ das Zurückströmen der Flüssigkeit in den Bauchraum verhindert, können zu ungünstigem Druck auf den Hoden (Durchblutung) führen. Hier ergibt sich immer wieder die Notwendigkeit einer vorgezogenen OP. Eine Sonderform der Hydrocele, oder des Wasserbruchs  ist die so genannte Hydrocele funiculi. Hier kommt es zu einem nicht kompletten „Verkleben“ des Leistenkanales so dass ein „kugeliger“ zystischer Hohlraum etwa in der Mitte des Samenstranges bestehen bleibt in welchem sich Flüssigkeit aus dem Bauchraum sammelt. Man kann diese flüssigkeitsgefüllte Zyste (Hydrocele funiculi) als kugeliges Gebilde oberhalb des Hodens tasten. Es ist nicht schmerzhaft und lässt sich verschieben. Mit dem Ultraschall kann die Zyste gut erkannt und die Diagnose bestätigt werden.  Für die Untersuchung der Hernien und Hydrocelen ist heute die ergänzende Verwendung des Ultraschalls empfehlenswert, weil zusätzliche Informationen über mögliche krankhafte Veränderungen gefunden werden können.

So genannte „direkte Leistenherenien“ und „Femoralhernien“ sind bei Kindern eine Rarität.

Inguinalhernie (Leistenbruch) und Hydrocele - 02


Bei einer Hydrocele (Wasserbruch), kann man sofern sie nicht prall gespannt ist und somit ein Druck auf den Hoden ausgeübt wird oftmals mit der OP etwas zuwarten.

Inguinalhernie (Leistenbruch) und Hydrocele - 01
Bild einer typischen Leistenhernie re.


Die Diagnose ergibt sich aus einem typischen Tastbefund und gegebenenfalls auch der Ultraschalluntersuchung, für die man sich Zeit nehmen sollte.

Eine Leistenhernie heilt nicht von selber, d.h. sie bedarf einer operativen Korrektur und zwar innerhalb eines Monates nach der Diagnosestellung. Bei Einhalten dieser Frist können bis zu 90% Komplikationen vermieden werden.

Die besonderen Gefahren des bestehenden Leistenbruches liegen in Einklemmung(Inkarzeration) eines (und damit Durchblutungsstörung) eines Darmanteiles, bzw. beim Mädchen des Eierstockes (man spricht von einer so geannten Herina ovarica, die ebenfalls rasch operiert werden sollte wenn sich der Eierstock einklemmt). Mit einer Darmeinklemmung ist in 12 – 15% zu rechnen, wobei hier besonders die männlichen Säuglinge betroffen sind. Bei männlichen Säuglingen ist im Rahmen einer Darmeinklemmung (inkarzerierte Hernie) auch die Hodendurchblutung gefährdet. Der durchblutungsgestörte Hoden kann in der Folge atrophieren (Schrumpfung mit Funktionseinschränkung). Während der ersten 6 Lebensmonate ist die Rate der Darmeinklemmungen am höchsten (70%). Die gefährliche Darmeinklemmung führt neben einer deutlichen Schmerzhaftigkeit (Kind zieht die Beine an, weint, etc.) auch zum Erbrechen (rasch reflektorisch oder im Intervall durch den Darmverschluss). Die Darmeinklemmung sollte ärztlicherseits rasch behandelt, d.h. der Darm in die Bauchhöhle zurückgeschoben werden. Das gelingt auch in der Mehrzahl der Fälle. In schwierigen Fällen  kann der Repositionsversuch im warmen Wasser Erfolg haben. Falls das nicht gelingt ist eine Akutoperation notwendig.  Ist die Reposition einer inkarzerierten Hernie erfolgreich gewesen so sollte der Bruch nach „einigen Stunden“ der Erholung (Abschwellung des Ödems) operativ verschlossen werden.

Inguinalhernie (Leistenbruch) und Hydrocele - 01


Der typische Leistenbruch schließt sich nicht von selbst (im Gegensatz zu manchem Nabelbruch), er muss operativ verschlossen werden. Die Operationstechnik unterscheidet sich grundsätzlich von der beim Erwachsenen. Würde man eine Verschlusstechnik, wie beim Erwachsenen anwenden, so würde der Samenstrang mit dem Wachstum abgedrückt werden. Leistenbrüche beim Buben sollten günstiger Weise mit der Lupenbrille durchgeführt werden, damit auch wirklich alle zarten Strukturen (Gefäße und Samenstang im Durchmesser um 1 Millimeter) geschont werden. Die oft gestellte Frage, ob man bei der Hernienoperation auch die gegenüberliegende Seite „zur Sicherheit“ öffnen und operieren sollte wird nach wie vor in Fachkreisen diskutiert. Beim Knaben lehnen wir die zusätzliche OP der anderen Seite ab, wenn dort kein Hinweis eines Leistenbruches gefunden wurde (ausführliche präoperative Untersuchung). Bei Mädchen kann man etwas großzügiger sein zumal hier die sehr seltene – aber doch mögliche Verletzung eines Samenstranges (unter 0,05%) – wegfällt und bei offenem Leistenkanal die Entwicklung eines Leistenbruches während einer Schwangerschaft möglich ist. 
Bewährte Methoden der Leistenhernienkorrektur (Bassini, Shouldice, McVay, Lotheisen etc.) mit einengenden und stabilisierenden Methoden der Rekonstruktion des Leistenkanals, so wie sie beim Erwachsenen Anwendung finden, mussten für den wachsenden Organismus des Knaben aufgrund der gehäuften postoperativen Hodenatrophie verworfen werden. Auch Methoden, bei denen Fremdmaterialen (Kunststoffnetz, PTFE-Patches usw.) implantiert werden, bleiben auf wenige Ausnahmen (evtl. Femoralhernie, Rezidhernie) beschränkt.

OP–Techniken:

Die konventionelle offene Korrektur ist die am häufigsten angewandte Methode. Sie erfolgt mittels schräger inguinaler Inzision, gegebenenfalls in der Unterbauchhautfalte des Säuglings. In der Subkutis muss die Fascia scarpa durchtrennt werden, um schließlich die Externusaponeurose zu erreichen. Als weiterer Orientierungspunkt gilt der äußere Leistenring, der mit vorsichtigen, spreizenden Scherenschlägen zu erreichen ist. Entsprechend der Faserrichtung und auch dem Verlauf des Leistenkanals erfolgt die Inzision der Externusaponeurose mit dem Skalpell auf einer etwa 5mm langen Strecke. Diese Inzision wird mit der Präparierschere erweitert und der Leistenkanal bis zum äußeren Leistenring eröffnet. Dabei ist auf die Schonung der nervalen Strukturen zu achten. Die Eröffnung des Leistenkanals sollte in der Weise erfolgen, dass ein relativ breiter Rand der Externusaponeurose am Übergang in das Lig. inguinale bestehen bleibt. Nach eröffnetem Leistenkanal trifft man auf den M. obliquus abdominis internus sowie die Samenstranggebilde, an deren ventraler Zirkumferenz der indirekte Leistenbruch vorliegt und die vom M. cremaseter unterschiedlicher Stärke eingescheidet sind. Letzterer Muskel wird längs gespalten und mit stumpfer Präparation abgeschoben.

Danach erfolgt mit spreizenden Scherenschlägen die Darstellung des Bruchsackes, der mit zarten Klemmen gefasst und an der Ventralseite eröffnet wird. Der Bruchsack sollte von allen ihm anhaftenden kleinen Gefäßen befreit sein. Sollten Darmschlingen vorgefallen sein (meist gleiten sie nach Spaltung der Externusaponeurose spontan in die Abdominalhöhle zurück) sollten diese, nach Inspektion und Prüfung der Vitalität (inkarzerierte-strangulierende Hernie), in die Bauchhöhle zurückgeschoben werden. Hier kann es sich als günstig erweisen, den M. obliquus abdominis internus mit einem Lid- oder Langenbeckhäcken anzuheben. Liegt der eröffnete Bruchsack nun ohne vorgefallene Abdominalorgane vor, so fasst man mit weiteren Klemmchen die Bruchsackhinterwand und hebt diese „zeltdachartig“ an.

Inguinalhernie (Leistenbruch) und Hydrocele - 01


Ist nun die gesamte Bruchzirkumferenz dargestellt, so erfolgt die weitere Mobilisation der dorsal anhaftenden Samenstranggebilde bis in den Bereich des inneren Leistenringes. Hier ist es fallweise nötig, die Bruchsackwand mit einer Reihe von kleinen, leichten Klemmen zu fassen. Die Lösung der Samenstranggebilde erfolgt mit scharfer und stumpfer Präparation. Diese Phase ist bei durchscheinend dünnen und zarten Bruchsäcken präparativ aufwendig. Der Verschluss des Bruchsackes erfolgt entweder mittels einer Tabaksbeutelnaht oder einer Durchstechungsligatur. Nachdem alleine die Durchstechung bereits eine Lazeration hervorrufen kann, ist es möglich primär den Bruchsack mit einer Ligatur zu verschließen und diese danach ein wenig weiter distal mit einer Durchstechung zu sichern. Das zur Anwendung kommende Nahtmaterial sollte resorbierbar sein und ist in einer Größenordnung zwischen 5-0 und 3-0. Das Verdrehen des Bruchsackes mit dem Zweck durch dieses Manöver eventuell vorgefallene Darmanteile in die Bauchhöhle zurückzudrängen halte wir für nicht angebracht. Distale Bruchsackanteile, die oftmals in die Tunica vaginalis testis übergehen können belassen werden.

Beim Mädchen erfolgt der Verschluss des Bruchsackes, an dessen Wand das Lig. rotundum verläuft, in gleicher Weise. Die distale Mobilisierung des Bruchsackes beinhaltet die Durchtrennung des Lig. rotundum, das sozusagen als „Wandanteil“ des Bruchsackes belassen wird. Die Blutstillung erfolgt vorzugsweise mit der bipolaren Koagulation. Wesentlich ist, dass man im Rahmen der Korrektur der weiblichen Säuglingshernie nicht irrtümlich auch die Tube verschließt. Durch leichten Zug am Lig. rotundum kann man das sog. „Tubenknie“ einsehen. Der verschlossene Bruchsackstumpf wird zusätzlich an der Dorsalseite des M. obliquus abdominis internus fixiert. Damit hat das Lig. rotundum seinen Ansatz im Bereich der Bauchdecke.

In Fällen, in denen besonders groß dimensionierte Brüche vorliegen, der M. obliquus abdominis internus mit seinem Rand relativ hoch verläuft und bei älteren Kinder (Teenager), besteht die Möglichkeit durch eine „laterale Pfeilernaht“, eine Naht, die den Muskelrand an die Innenseite des Lig. inguinale lateral der Samenstranggebilde heftet, den Leistenkanal physiologisch zu dimensionieren. Erst nach Abschluss des zweiten Wachstumsschubes können beim Knaben Hernienkorrekturtechniken des Erwachsenenalters zum Einsatz kommen. Der Verschluss des Leistenkanals erfolgt durch resorbierbare Einzelknopfnähte der Externusaponeurose. Die Fadenstärken zwischen 4--0 und 1 ergeben sich entsprechend dem Alter. Die Naht der Fascia subcutanea und eine intracutane Hautnaht schließt den operativen Eingriff ab. Ein wasserabweisender Verband erweist sich bei windeltragenden Kindern als vorteilhaft.

Der Verschluss der Femoralhernie beinhaltet, nach Abtragung des Bruchsackes, den Nahtverschluss der medialen Lacuna vasorum, ohne allerdings die Femoralvene zu komprimieren. Alternativ kann ein Lappen der Fascia pectinea gebildet, hochgeschlagen und mit dem Lig. inguinale vernäht werden. Falls die Faszie des M. pectineus zart vorliegt, verstärken wir die Verschlussplastik mit einem resorbierbaren Netz und haben bei dieser Technik noch kein Rezidiv gesehen.

Laparoskopische Korrektur der indirekten Leistenhernie: Neben der offenen Korrektur, die heute bei der Leistenhernie des Kindes nach wie vor den bewährten „goldenen Standard“ darstellt, wurden Mitte der 90er-Jahre kinderchirurgische laparoskopische intra- und extraperitoneale Verschlusstechniken entwickelt (El-Gohary 2003; Kaya 2006; Schier 2006; Takehara 2006). Die Hernienkorrektur erfolgt entweder durch den transperitonealen Nahtverschluss oder eine laparoskopisch kontrollierte extraperitoneale Ligatur. Die Techniken fanden primär bei Mädchen ihre Anwendung, nachdem es schwierig war, einen dichten Bruchpfortenverschluss mit einer sicheren Schonung der Samenstranggebilde zu vereinbaren. Montupet publizierte 1999 die ersten laparoskopischen Leistenhernienverschlüsse beim Knaben mittels einer Tabaksbeutelnaht. Der Einsatz laparoskopischer Techniken für den Hernienverschluss im Kindesalter wird kontrovers gesehen. Eine extraabdominell gehaltene Operation wird in eine intraabdominelle umgewandelt. Der präparative Umgang mit zarten Bruchsäcken sowie mit den Samenstanggebilden ist in der laparoskopischen Technik bedeutend schwieriger. Die bis heute an größeren Kollektiven erfassten Rezidivraten liegen in einer Größenordnung zwischen 0,73 und 4,1% (Kaya 2006; Schier 2006; Montupet 1999; Takehara 2006). Langzeitresultate liegen noch nicht vor. Vorteile des laparoskopischen Hernienverschlusses im Kindesalter werden bei der Behandlung der „inkarzerierten Hernien“ genannt (Kaya 2006; Schier 2006). Die Laparoskopie erlaubt, die Reposition visuell zu kontrollieren, das inkarzerierte Organ besser zu beurteilen, die Hernie zu verschließen und gegebenenfalls synchron eine kontralaterale Leistenhernie ebenfalls mit gleichen Zugängen zu behandeln. Anwendung finden ein 2-mm-Trokar (Fa. Tyco) für die 0°-Optik (Fa. Storz, 2 mm) im Nabelbereich und 2 zusätzliche 2-mm-Instrumenten-Ports, die im linken und rechten Mittel- bzw. Unterbauch platziert werden. Der intraabdominelle Druck wird durch CO2-Gasinsufflation bis zu 12 mmHg angehoben, wodurch sich die Bauchdecke und damit auch die Bruchpforte dehnen. Ein Umstand, der als vorteilhaft bei der Reposition inkarzerierter Hernien gesehen wird (Kaya 2006).Zusammenfassend kann man sagen, dass laparoskopische Techniken, wie sie beim Erwachsenen angewendet werden haben in der Hernienchirurgie des Kindes untergeordnete Bedeutung, noch dazu wo sich zusätzlich Verwachsungen im Bauchraum ergeben können (mögliches Spätproblem: Darmverschluss), die bei einer konventionellen Hernienkorrektur nicht zu erwarten sind. Außerdem ist die Rezidivrate deutlich höher als bei der konventionellen OP.

Bei unkomplizierter Leistenbruchoperation liegt die Gefahr, dass sich neuerlich ein Leistenbruch entwickelt (Rezidiv) bei 0,6 – 3,8%. Hier sind die Buben häufiger betroffen. Unserer großen Erfahrung nach ist es wichtig, dass der muskuläre und bindegewebige Leistenkanal wenn er besonders ausgeweitet vorliegt durch eine, so genannte laterale Pfeilernaht zu einer normalen Dimension gebracht wird. Hier wird der zu hoch liegende Rand des inneren schrägen Bauchmuskels an der Innenseite des Leistenbandes auf gesunder Höhe fixiert. Postoperative Infektionen sind extrem selten. Wir decken nach der Operation die Wunde mit einem wasserabweisenden Folienverband ab, der bis zur Nahtentfernung appliziert bleibt.

Bei der Hydrocele muss der, nur Millimeter große, Kanal gefunden werden, durch den Flüssigkeit aus dem Bauchraum in die Hodenhüllen strömt. Besonders Frühgeborene haben ein erhöhtes Risiko einer postoperativen Apnoe, d.h. Atemstörung im Anschluss an die Operation. Hier sollte man mit dem Spitalsaufenthalt großzügig sein und eher von einem „ambulanten“ Eingriff (Tagesklinik) Abstand nehmen. Wenn man auf der „sicheren Seite sein will“ ist die Übernachtung auch bei älteren Säuglingen anzusprechen und zu erwägen. 

Die so genannte „direkte Leistenhernie“, wie sie beim Erwachsenen oftmals gesehen wird ist bei Kind extrem selten (1 – 4% aller Hernien). Bei dieser Leistenbruchart entwickelt sich der Bruchsack nicht aus einem offenen Leistenkanal. Eine weitere extrem seltene Hernie ist die Femoral- oder Schenkelhernie (0,2%). Hier stülpt sich der Bruchsack unterhalb des Leistenbades in das Unterhautfettgewebe des inneren Oberschenkels aus. Die Verschlusstechniken müssen hier den geweblichen Gegebenheiten des Kindes angepasst werden. So kann es bei Femoralhernien notwendig sein ein künstliches Netz einzusetzen.

Komplikationen:

Zu den postoperativen Komplikationen zählen die seltenen Hämatome und Wundinfektionen. Obwohl die Herniotomiewunden entsprechend der Schnittführung in der Unterbauchhautfalte, innerhalb des Windelbereiches liegen, kommen Wundinfektionen selten in der Größenordnung um 1% vor (Ein 2006; Rowe 1981). Die prolongierte Vergrößerung des ipsilateralen Hodens durch eine postoperative Flüssigkeitsansammlung in den Hodenhüllen, die als Teil des Bruchsackes bewusst zurückgelassen werden, stellt, obwohl manchmal angeführt, keine Komplikation dar. Vielmehr handelt es sich um einen Befund im Rahmen des Heilungsverlaufes, der sich sukzessive – meist innerhalb von 3 Wochen – zurückbildet.

Rezidive (neuerliches Auftreten): Die Rezidivrate beträgt bei konventionellen Eingriffen zwischen 0,6 und 3,8% (Steinau 1995). Sie steigt auf bis zu 15% bei Patienten mit Frühgeburtlichkeit, auf etwa 20% nach Akutoperationen im Rahmen einer Inkarzeration und beim Vorliegen von prädisponierenden Grunderkrankungen (Glick 2006). In einer Studie, in der 6361 Hernien untersucht wurden, waren bei den Rezidiven in 97% Knaben betroffen. Eine deutlich erhöhte Rezidivrate fand sich bei Teenagern (5% versus 1,2% des Gesamtkollektivs). 54% der Rezidive traten innerhalb des ersten postoperativen und 96% innerhalb von 5 postoperativen Jahren auf (Ein 2006).

Hodenatrophie: Die postoperative Hodenatrophie ist niedrig und liegt in einer Größenordnung von 0,3% (Ein 2006). Die Hodenatrophienrate nach Inkarzeration liegt zwischen 2,3 und 29% (Jequier 1985, Puri 1984; Rowe 1970; Palmer 1978; Walc 1995; Murdoch 1979).

Sekundärer Hodenhochstand: Nach Hernienkorrektur kann sich der Hoden infolge von Narbenzügen im Bereich des Funiculus spermaticus in Richtung des äußeren Leistenringes verlagern. Diese Komplikation dürfte selten sein (0,2%), wird aber möglicherweise auch selten berichtet.

Prof. Rokitansky hat im Lehrbuch „Kinderchirurgie“ (Viszerale und allgemeine Chirurgie des Kindesalters Schweinitz, Dietrich v., Ure, Benno 2009, XII, ISBN: 978-3-540-89031-7) das Kapitel über die Leistenbruchchirurgie verfasst. 
Hier gibt es zusätzliche Informationen für Interessierte

Lehrbuch „Kinderchirurgie“

Weiterführende Informationen/Studien:

Leistenbruch - Übersicht

KidsDoc.at
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